Leben statt Stahl und Beton

7 Feb

2002 – Ich war gerade zwölf Jahre alt, meine Hosen hingen tief und die Pullis hätte man auch als Zweimannzelt verwenden können. Im Radio nahm ich Kassetten auf, es lief Blumentopf, Freundeskreis und die Absoluten Beginner. Rap auf Deutsch hatte mich geflasht. Meine große Schwester erzählte aus dem 0711 Club, und  ich zählte die Jahre bis ich dann auch einmal in das Prag gehen könnte. Aber als ich dann so alt war lief kein HipHop mehr im Prag, es dauerte nicht lang und es gab gar kein Prag mehr. Alternative Plätze sind in Stuttgart rar geworden. Stuttgart 21 gefährdet viele einsame Kämpfer in einer Stadt, die bunte Lebendigkeit nicht zu wollen scheint.

Ich habe mich noch nie sonderlich in die Clubs gezogen gefühlt, die sich um den Palast herum, an der Theo Heuss angesiedelt haben. Ich habe es noch nie akzeptiert, mir bestimmte Klamotten anziehen zu müssen, um feiern zu gehen. Ich möchte nicht meine Freiheit beschneiden, um Spaß zu haben. Also waren es die alternativen Plätze, die mir sympathisch wurden und wo ich mich gerne aufhielt.

Das erste Konzert in der Röhre, der erste Absturz im Prag, das Versacken im Oblomow oder Klänge vom Balkan in den Wagenhallen. In den Waggons war ich eigentlich nie, ein bitterer Fehler. All diese Räume sind Freiräume für frei denkende Menschen, für Künstler, für Aussteiger, für Banker, die sich für die Nacht aus ihrem Anzug ins Leben geschmissen haben.

Nun stehen die Waggons am Nordbahnhof und die Röhre kurz vor dem Aus. Die Wagenhallen und der Landespavillon, sowie das Rockers33 haben eine Galgenfrist erhalten.  Ich habe keine Ahnung, ob mich das traurig, wütend, enttäuscht machen oder ein Cocktail aus allem sein soll.

Vermutlich ist es ein grundsätzliches Problem dieser Stadt. Sie zerstört sich selbst. Sie baut Konsumtempel aus Stahl, Glas und Beton, welche Tag für Tag gut gefüllt sind, aber eben nur zu den Ladenöffnungszeiten. Konsumieren, konsumieren, aber verweilen tut hier nur jemand, wenn er sich die Füße im Einkaufsrausch Wund gelaufen hat. Doch Orte, wo es bunt ist, wo es lebt, wo sich Menschen gerne aufhalten, weil sie keine Heizung sondern menschliche Wärme spüren wollen, werden geräumt, zerstört, zubetoniert oder bestenfalls verschoben. Doch mit jedem dieser Orte fehlt ein Teil, im Mosaik „Stadt“.

Ich möchte hinausschreien: „Nehmt euch die Orte, nehmt euch die Freiheit, die ihr braucht. Besetzt die Häuser, macht die Stadt bunt! Grau ist doch nicht das, was ihr wollt. Selbst jedem tollen Schwarzweißfoto geht ein farbiges Motiv vorran.

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3 Antworten to “Leben statt Stahl und Beton”

  1. Jonathan Februar 7, 2011 um 12:28 pm #

    Gänsehaut vor Wahrheit!!

  2. Danilo Februar 7, 2011 um 12:53 pm #

    Sehr interessant! Und sehr zutreffend beobachtet! Es läuft eigentlich alles aufs Geld raus. Und selbst da, wo genug Geld vorhanden wäre, vertut man aus Schmalhirnigkeit die Chance, z.B. neue Bankgebäude zu architektonischen Pilgerstätten zu machen. Diese Stadt hat ohnehin schon wenig Gesicht. Aber um mehr Profil zu entwickeln, benötigt man charismatische Menschen mit einer originellen Vision und Leute, die solche Visionäre auch mal machen lassen.

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  1. Was mir heute wichtig erscheint #251 - trueten.de - Willkommen in unserem Blog! - Februar 9, 2011

    […] jedem tollen Schwarzweisfoto geht ein farbiges Motiv vorran.„ Gedanken von den Baumpoeten zu "Leben statt Stahl und Beton"Interesse: "Auf dem Tahrir-Platz – und in ganz Ägypten – harren diejenigen, die an eine bessere […]

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